Ausstellung Frances Scholz, Karin Schwarzbek, November 2007 – Februar 2008




Frances Scholz: WATERLOO

Der Film, der die jüngste Werkserie WATERLOO von Frances Scholz inspirierte und ergänzt, beginnt mit einem langsamen tracking shot durch einen Hausflur, dann fährt die Kamera an einer liegenden, aus Holz gearbeiteten Wendeltreppe entlang, die, so ihrer Funktion enthoben, an eine konstruktivistische Skulptur erinnert, bevor sich der Blick auf eine digital verfremdete Landschaft öffnet, in die eine Gruppe roter, geometrischer Formen integriert ist. Wie sie als abstrakte Karrees über der Landschaft liegen erinnern sie an die Perspective Corrections von Jan Dibbets. Diese ersten Videobilder, in denen Innen- und Aussenraum, Realität und Abstraktion aufeinander treffen und sich verschränken, scheinen im ersten Augenblick wenig miteinander zu tun zu haben. Sie enthalten jedoch bereits einige der begrifflichen Antipoden, die im Werk von Frances Scholz immer wieder eine wichtige Rolle spielen. Was die einzelnen Elemente der Ausstellung konzeptionell vereint, wird in weiteren Sequenzen des Fims gezeigt: zu sehen ist eine Nachstellung der historischen Schlacht bei Waterloo, Napoleons letzter dramatischer Niederlage gegen die von Herzog Wellington angeführte Alliiertenarmee. Es handelt sich dabei um ein populär-kulturelles Reenactment, welches, ähnlich den Karl May Festspielen in Bad Segeberg, jährlich in Belgien stattfindet.

Die eingangs erwähnten roten Karrees beziehen sich auf die strategische Kriegsführung Wellingtons, und markieren in der Arbeit von Frances Scholz eine Kette von gegensätzlichen Assoziationspaaren: Kunst der Kriegsführung vs. dem ideologischen Krieg in der Kunst, Abstraktion vs. Figuration, Bildwirklichkeit vs. äussere Realität, Linie vs. Fläche, Chaos vs. Ordnung, Geste vs. Konzept, Klassik vs. Pop etc... Die Unmöglichkeit der absoluten, alles umfassenden Darstellung des Ereignisses, wie sie in der monumentalen Schlachtenmalerei, z.B. in dem Panorama von Waterloo, das dem Film den Namen gab, versucht wurde, wird konterkariert durch eine bewusst ausschnitthafte Darstellung. Diese gibt die Illusion der Gesamtheit auf zugunsten einer fragmentarischen Konzentration auf bestimmte Momente oder markante Formen – wie etwa die Silhouette Napoleons mit Hut – die kollektive Erinnerungsbilder beim Betrachter auslösen, aber frei von ideologischer Ausdeutbarkeit sind.

Hier knüpfen auch die Gemälde der Waterloo Serie an. Sie basieren auf einer stilisierten, aus ihrem ursprünglichen Kontext heraus gelösten, floralen Form, die von rechts oben in den Bildraum hinein wächst. Der Ursprung der wohl auf einer Lilie basierenden Silhouette (sie entstammt einem frühromantischen Gemälde von Philipp Otto Runge) ist jedoch unwesentlich. Sie hat sowohl abstrakte als auch gegenständliche Qualitäten, kommt im Bild als Negativ- oder als Positivform vor, und könnte als alles Mögliche gelesen werden – z.B. als leere Comic Sprechblase, als Wind blasende Aeolos Lippen, oder eben als vorstossende Armee. In einigen der Gemälde ist auch sie – mehr oder weniger sichtbar – von den geometrischen Karrees überlagert. Die Reduziertheit der malerischen Mittel in Bezug auf Farbgebung und Form erfährt Komplexität in der faktischen Behandlung des Motivs durch die sich überlagernden malerischen Ebenen, die an technische Prozesse der Druckgrafik erinnern. Scherenschnittartige hard-edge Konturen prallen auf einen grosszügigen, fast gestischen, lasierenden Duktus, Hell auf Dunkel, Positiv auf Negativ. Die konstante Auslotung von Begrifflichkeiten innerhalb und ausserhalb der Bildrealität sowie deren Umdeutung ist eine bestehende Konstante in Frances Scholz’ Arbeit.

Eva Scharrer, November 2007



Karin Schwarzbek: Neue Arbeiten

Betrachtet man die Arbeiten der letzten Jahre von Karin Schwarzbek, verblüfft auf den ersten Blick die scheinbar sprunghafte Entwicklung, auf den zweiten jedoch die malerische Stringenz in ihrem Werk. Als Entwicklung ist eine abstrahierende Reduktion erkennbar, eine Reduktion von Landschaft zu Figur, eine Art zooming-in auf bereits vorher behandelte Motive des menschlichen Körpers. Die Stringenz in der Arbeit liegt in der transparenten Behandlung des Körpers im Bezug zu seiner Umgebung.

Die neuesten Arbeiten sind nicht betitelt und konzentrieren sich auf einen bestimmten Ausschnitt von Körpern in Bewegung – genauer, auf Unterleib, Gesäss und Beine. Ebenfalls auffallend ist die Aufgabe des Querformats zugunsten einer Vertikalität in teilweise extremen Hochformaten. Mal scheinen die Beine frei im Raum zu schweben, als wären sie aufgehängt oder an Fäden geführt wie die Gliedmasse einer Marionette, mal scheinen sie sich vom Körper zu lösen und als selbständige Kreaturen in eine Richtung zu laufen, ein anderes mal wieder sind sie fest verankert in einer bestimmten Situation – wie etwa das Gesäss eines reitenden Mädchens auf einem nur vage angedeuteten Pferderücken. Was alle gemeinsam haben, ist eine malerische Transparenz, in der die Körperlichkeit sich im Raum beinahe aufzulösen scheint. Doch trotz der scheinbar transzendenten Beziehung von Figur und Hintergrund, und der offensichtlichen Verletzbarkeit der Körper, behaupten sich diese gegen ihren Hintergrund und sind vor ihm auf eine sehr entschiedene Art präsent.

Die Gliedmassen sind oft überlängt oder verdreht und agieren scheinbar unabhängig von einem dazugehörigen Körper, und auch weit gehend unabhängig von jedem anderen Zusammenhang, welcher nur teilweise, und oft mit einem Schuss Ironie angedeutet wird. Ein kreisrundes Spotlight auf einen leicht verdrehten Körper mit zappelnden Beinen assoziiert etwa einen Dancefloor, ein scharf abgeknicktes Bein den Rhythmus des Twists, oder die Fläche unter einem Gesäss ein Pferd. Nichts davon wird jedoch konkret benannt, es ist die Wahrnehmung der Bewegung im Moment, die die Richtung bestimmt. Weiterhin unbestimmt ist das Verhältnis von Körper und Kleidung – letztere beschränkt sich auf malerische Schleier, die kaum bedecken, noch Zusammenhalt liefern, und gerade dadurch Verhüllung und Enthüllung gleichermassen symbolisieren. Kniestrümpfe und kurze Röckchen verweisen leicht anzüglich auf die Kindlichkeit der Protagonistinnen. Bewusst ausgespart sind Gesichter, oder andere Details, die eine Identifizierung ermöglichen würden. Es geht in der Malerei von Karin Schwarzbek weniger um Repräsentation des Menschen an sich, sondern um allgemeine Befindlichkeiten, und um die Kräfte, die vom Bildraum – oder "von Aussen" – auf eine Figur einwirken, und umgekehrt. Es werden keine Geschichten erzählt, sondern abstrahierte Stimmungen eingefangen, die sich auf die minimalsten Mittel der Darstellbarkeit reduzieren. "Meine Bilder zeigen Figuren, die ausgesetzt sind. Als wären sie unschuldig." sagt Karin Schwarzbek in einem Gespräch mit dem Künstler Tom Menzi. Die Unschuld der Person, oder des Körpers, ist jedoch ambivalent. Es geht immer auch um ein Machtverhältnis von Figur zu Umraum, um ein Wechselspiel von Passivität und Aktivität, welches eine Spannung im Bild erzeugt. Die Figuren sind sich ihrer Exponiertheit bewusst, und scheinen damit zu spielen. Gerade dadurch, dass sie sich dem Betrachter zu entziehen scheinen wollen, ihm jedoch gleichzeitig ausgesetzt sind, gewinnen diese transzendenten Figuren eine Präsenz, die nur schwer zu benennen, aber immer gegenwärtig ist.

Eva Scharrer, November 2007


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