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Frances Scholz "the face"
(english text below)
Frances Scholz "the face"
"Das Gesicht, die extreme Gefährdung des Anderen."
Emmanuel Levinas, "Paix et Proximité”, 1995
"Auf das Gesicht zu reagieren, seine Bedeutung zu verstehen heißt, wach zu sein
für das, was an einem anderen Leben gefährdet ist, oder vielmehr wach zu sein
für die Gefährdetheit des Lebens an sich."
Judith Butler, "Gefährdetes Leben", 2004.
In der vorliegenden Ausstellung, ihrer sechsten in der Tony Wuethrich Galerie, Basel, zeigt Frances Scholz Malerei als das Gesicht ihres eigenen Verschwindens – und andere Paradoxien. "the face" basiert auf drei Serien, an denen die deutsch-amerikanische Künstlerin, Professorin für Malerei an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, seit nunmehr drei Jahren arbeitet. In einem blauen, einem roten und einem rosafarbenen Raum, konzipiert im Sinne dreier "Phasen" einer quasi elektrischen Beziehung, herrscht jeweils eine dieser Serien vor. In jedem Raum interveniert allerdings auch eine weitere Serie und löst damit eine Art serienübergreifender Kommunikation aus, wobei jedes Bild sich gegen die Forderung nach einer erkennbaren eindeutigen Form innerhalb seiner Serie widersetzt.
Die eigentümliche Leichtigkeit dieser von reinem Weiß, Rot, Blau und Rosa dominierten Ausstellung repräsentiert das Leben der Malerei jenseits ihres "Todes" in Netzwerken und Referenzen. Dieses Leben wird ausdrücklich erst durch eine Untersuchung von Lebenssituationen im Tod und jenseits des Todes ermöglicht. Ebenso wie jene Pop-Horrorfilme, deren Soundtracks sie für ihre eigenen Filme ausgräbt, beschäftigt sich Scholz mit dem Tod aus einem Interesse an kreativer Erneuerung, Novelties, Innovation und einer Auswirkung auf das Leben.
RED ROOM ("Quatre Bras IV", "Cutting Hay")
Das Zusammenspiel dieser beiden Arbeiten aus Frances Scholz’ "Waterloo"-Serie zeichnet sich durch eine gewisse Eigenartigkeit der Größenverhältnisse aus. Der Spiegel und die Tapete der Kammer, in welcher Napoleon die Nacht vor der Schlacht von Waterloo verbrachte, sind in dünnen roten Strichen skizziert. Das kräftige, reine Rot entspricht dem Rot der britischen Infanterie, dem Schrecken der Kriegskunst, beschreibt aber auch die Stickereien eines Spitzenstoffes. In dem kleinen Bild wiederum tritt das Motiv zurück und bildet den Hintergrund des zarten und auf prekäre Weise lebendig wirkenden Farbfeldes aus dem Pink Room.
BLUE ROOM ("Grim Glory II", "Night Watch I")
Die blaue Serie ist vom Gestaltungsraster der Moderne geprägt. In "Night Watch" plättet Scholz gewissermaßen die geklappte räumliche Tiefe von Eileen Grays Paravants, so dass sich das 3-D-artige Gittermuster als zurückweichender Hintergrund lesen lässt. In seiner starken Vertikalität und seinen transparenten Schichten ahmt dieses Bild auch Piero della Francescas "Traum Konstantins" nach, bei dem ebenfalls ein Zelt das zentrale Element umgibt. Das vorliegende "Zelt" jedoch umfasst nichts, vielmehr öffnet es sich so, dass die zentrale Form sich von der Bildoberfläche abzulösen scheint, um in einer einzigen Bewegung von der Rasterstruktur in die Realität des Betrachters vorzustoßen.
In "Grim Glory II" verwandelt sich das projizierte Muster der Decke von Louis Kahns Yale University Art Gallery entsprechend den physikalischen Gesetzen tropfender Farbe in ein zum Vorschein kommendes fraktales Gerüst.
PINK ROOM ("Death Songs for the Living")
Die dunkelsten Themen der Ausstellung verdanken sich ausgerechnet den hellsten, skizzenhaftesten Arbeiten. So wird den blauen Farbfeldern ein auf Modefotografien basierender nackter Rücken preisgegeben beziehungsweise dem Rücken ein Farbfeld als Schutzschild vorgehalten. Dabei wird das Prekäre und Unschuldige dieser Entblößung durch das rosafarbene Feld unterstrichen, das die Grundlage für eine Skizzierung des "Fürst der Welt" (1310) bildet, einer Vanitasdarstellung aus der Nürnberger Kirche St. Sebald, die einen Jüngling mit von Krebsen, Schlangen und allerlei Gewürm zerfressenem offenen Rücken zeigt. Das Gesicht eines Gemäldes ist dessen Rücken. Frances Scholz weist uns eine Position hinter dieser zurückweichenden Artikulation zu – in jenem sonderbaren Raum zwischen der Kunst und den sie prägenden Netzwerken, in dem die Abstraktion nicht Reduktion oder Begrenzung bedeutet, sondern Enthüllung des gegenwärtig Unbekannten und Vervielfachung.
Februar, 2010
Biographie und weitere Ausstellungen Frances Scholz
Frances Scholz "the face"
Frances Scholz "the face"
"The face, the extreme precariousness of the other."
Emmanuel Levinas, "Paix et Proximité", 1995
"To response to the face, to understands its meaning,
means to be awake for what is precarious in another life,
or rather, the precariousness of life itself."
Judith Butler, "Precarious Life", 2004.
In this, her sixth exhibition at the Tony Wuethrich Galerie, Basel, Frances Scholz offers painting as the face of its own disappearance -- and other paradoxes. "the face" draws on three series the German/American artist, professor of painting at University of Arts, Braunschweig has been working on for the last three years. Conceived as three "phases" in a quasi-electrical relationship, a blue room, a red room and a pink room each favor one series. But in each another series intervenes, initiating cross-series communication, and each painting resists its series to ask for the recognition of the unique form. The peculiar lightness of this exhibition, dominated by white, red, blue and pink in the raw, stands for the life of painting beyond its "death" in network and reference. This life is explicitly made possible by an exploration of themes of life in and outside of death. Like the pop horror movies whose soundtracks she mines for her films, Scholz approaches death for creative regeneration, novelty, innovation and living effect.
RED ROOM ("Quatre Bras IV" "Cutting Hay")
Together these two works of the artist's "Waterloo" series insist on their scalar oddity. The wallpaper and mirror of the room Napoleon slept in on the eve of Waterloo are sketched out by thin red lines. Large and stark, the red is the red of the British infantry, of the horror of the art of war, but also catches the trim stitching of a lady's lace. Small, the motif recedes to background a color-field from the Pink Room's series, delicate and precariously alive.
BLUE ROOM ("Grim Glory II" "Night Watch I")
The modernist grid informs the series in blue. In "Night Watch", Scholz flattens out the folded depth of Eileen Gray's Paravant screens so that the 3D gridded pattern might be a receding font. Incessantly vertical, and transparently layered, the painting also mimes "Constantine's Dream" of Piero della Francesca, allowing a tent to fall around a central element. But this tent doesn't enclose; it opens so that the central form seems to lift off of the surface, performing a singular motion away from the grid, and out into the viewer's reality.
In "Grim Glory " the projected pattern of the ceiling of Louis Kahn's Yale University Art Gallery reforms according to the laws of physics of falling paint into an emerging fractal frame.
PINK ROOM ("Death Songs for the Living")
The exhibition's darkest themes emerge from its lightest, most sketch-like works. Motifs extracted from fashion photography expose the naked back to the blue color-fields, or shields laid upon them. The pink field emphasizes the precariousness and innocence of this exposure, and gives way to sketchings of "The Lord of The World" (1310) a vanitas motif from Nuremburg's St. Sebald church showing the organs of the saint's opened back swarming with living crabs, snakes and worms. A painting's face is its back. Scholz places us behind this receding articulation -- in that peculiar space between art and the networks that have informed it, where abstraction does not reduce or define but unveils the present unknown and multiplies.
Biography und further Exhibitions Frances Scholz

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