Ausstellung Hans Richard, Malerei, September– Oktober 2005

 
   
   

Die Tony Wüthrich Galerie freut sich, den seit mehreren Jahren in Berlin lebenden Schweizer Künstler Hans Richard (1974) erstmalig in einer Einzelausstellung und mit neuen Arbeiten zu zeigen.

Seit der Gruppenausstellung «Scapes Part One», 2003 in der Tony Wüthrich Galerie, hat sich einiges getan in der Malerei Hans Richards. Waren damals stark abstrahierte Landschaften zu sehen, in denen der Pinselduktus mit wenigen Strichen die Landschaft als reinen Farbraum definierte, sind nun weitere Facetten, sowohl technisch wie auch inhaltlich, hinzugekommen. Ein Grundthema Richards bleibt jedoch im weitesten Sinne die Landschaft: von erhabenen Gebirgslandschaften, die an Renaissancedarstellungen erinnern, über Turner-esque Impressionen aus diffusem Licht zu nächtlichen Vorstadtszenen.

Auffallend ist zunächst der Wechsel vom deckend pastosen Farbauftrag zu lasierenden Verläufen, in denen sich Motive andeuten und wieder in einem atmosphärischen Chiaroscuro verlieren. Nicht immer ist auf den ersten Blick klar, was man sieht. Im Vordergrund steht malerische Schönheit, in der sich jedoch langsam aber bestimmt ein Unbehagen manifestiert – ein Unbehagen über das, was man nicht sieht, jedoch erahnt. Da erhebt sich z.B. die dunkle Silhouette einer Kirchenruine in C.D. Friedrichscher Manier skelettartig gegen einen in Orange getauchten Hintergrund. Doch ist es nicht die Abendstimmung, die den Himmel färbt. Ob es, wie hier, die Brandschatzung eines Klosters im Kosovo ist, ein Feuer in Ruanda, der erleuchtete Himmel über dem bombardierten Bagdad, oder tatsächlich «nur» eine Landschaft: Richard behandelt seine Motive gleich, nämlich nach malerischen Gesichtspunkten – wohl wissend, dass er Maler ist und nicht Kriegsberichterstatter oder Chronist seiner Zeit. Jedoch auch in dem Bewusstsein, dass es bei beiden Überschneidungen gibt. Nämlich dann, wenn sich Medienbilder uns ikonenhaft einschreiben, wenn sie uns als Bilder in ihren Bann ziehen, und dabei das Ereignis dahinter zur abstrakten Vorstellung wird. Es ist eben diese Ambivalenz der Bilder, die Richard interessiert. Bei dem Zeitungsfoto eines Anschlagopfers während der zweiten Intifada ist es weniger der politische Hintergrund, sondern die Präsenz seiner Gestalt und die eigentümliche Struktur der mit getrocknetem Blut verkrusteten Haut, die es für Richard als Motiv relevant machen. Das mag zynisch erscheinen, doch indem er die Themen seiner Bilder als reine, malerische Oberfläche behandelt, entlarvt und verfremdet er gleichzeitig deren suggestiv propagandistische Macht.

Die Vorlagen zu seinen Bildern findet Hans Richard in Pressefotos, aber auch eigene Fotografien, Erinnerung, oder Werke der Kunstgeschichte finden Verwendung. Gelegentlich gibt es auch Rückgriffe auf frühere Motive oder Werkgruppen, wie z.B. die nächtlichen Vorstadtszenen. Hier tritt wieder verstärkt die Farbe als Form gebendes Mittel ein, etwa wenn sie tropfend verfremdende Spuren im Bild hinterlässt. Doch verwehrt sich Richard der konzeptionell seriellen Stringenz die früher seine Arbeit bestimmte; er arbeitet jetzt ganz bewusst mit stilistischen wie inhaltlichen Brüchen. So nebeneinander gestellt, hinterfragen sich die Bilder gegenseitig selbst. Separiert aus ihrem Kontext, sehen wir Landschaften oder Portraits, die in erster Linie ihre Qualität als Bild zur Disposition stellen, indem sie ihre Herkunft virtuos verschleiern, ohne sie jedoch ganz zu verleumden.

Eva Scharrer, 2005


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