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Betäubende Stille
von Simon Baur
Eine breite schwarze Linie auf der weissen Fläche des Papiers. Zwei,
drei, vier, zehn, zwanzig schwarze Linien. Das Verschwinden des Weiss.
Horizontalen, die Vertikalen kreuzend. Schwarze Flächen weisse linienförmige
Räume umgebend. Rote, blaue Flächen auch.
Viel ist es nicht, was auf den Zeichnungen und Holzschnitten beschrieben
werden kann. Was sie sind und was sie sein wollen, bezeichnen sie selbst.
Karg, nüchtern, streng, sind die Begriffe der Sprache in den Arbeiten
von Corsin Fontana. Diese Konzentration auf das Wesentliche weckt in mir
die Erinnerung an Rilkes Panther im Jardin des Plantes in Paris, dessen
weicher "Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten
Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt
ein grosser Wille steht".
Die Linien der schwarzen Zeichnungen genauer in den Blick nehmend, sind
an den Rändern Ausfransungen, in der Entfaltung der einzelnen Striche
dichte und poröse Stellen spürbar, die vom unterschiedlichen
Druck der Wachskreide und der Hand und dem dagegen widerstehenden Papier
herrühren. Dies lässt sich ähnlich in den schwarzen und
in den farbigen Holzschnitten beobachten und ich bin versucht trotz der
evidenten Unterschiede, die Zeichnungen als mögliche Übungsfelder
für die Holzschnitte zu bezeichnen. Kraftfelder sind sie beide im
wörtlichen Sinn, Ebenen auf denen ein Austarieren verschieden akzentuierter
Energien stattfindet. Die Holzschnitte weisen gegenüber den Zeichnungen
eine strukturgebende Schicht mehr auf, denn Corsin Fontana hat die Pressspanplatten
vor dem Druckvorgang mit einer deckenden Schicht aus Dispersionsfarbe
versehen. Sowohl diese, als auch die Strukturen des Druckfarbauftrages
sind es, die die wenigen weissen Linien umfluten und auf den einzelnen
Abzügen ersichtlich sind. In diesem Sinn ist es treffender von gedruckter
Malerei, statt von Holzschnitten zu sprechen.
Woher kommen diese Formulierungen verschiedener Energien. Allein aus dem
Papier, den Holzplatten, den Wachskreiden und der halbtransparenten Offsettfarbe
die als Druckmittel dient, stammen sie kaum. Corsin Fontana spricht wiederholt
von den Aufenthalten im Gebirge und in Marrakesch, vom Rhythmus und der
Trance in afrikanischer Musik und den als geometrische Formen lesbaren
Zeichen der arabischen Schrift. Einiges aus diesen Erlebnissen und Erfahrungen
versickert in seinen Arbeiten und lassen Fontanas persönliche Askese
spüren. Einfachheit, minimale Bewegungen, zurückgenommene Ausformungen,
so lässt sich das sichtbar gemachte Destillat beschreiben. Ein tief
anschwellendes und wieder verebbendes Rauschen durchflutet die Arbeiten.
Bleiern und flaumig zugleich, fordern sie vom Betrachter einiges an Energien.
Dahinter bleibt Vieles verborgen, was sich erst nach einem konzentrierten
Sehprozess erschliesst. Es ist der Hauch von Leben, von dem Fontana sagt,
dass er diesen in seinen Arbeiten drin haben will.
Auch beim Panther im Jardin des Plantes, verbirgt sich hinter der sichtbaren
Teilnahmslosigkeit das kraftstrotzend und federleichte, unberechenbare
Potential: "...wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt
ein grosser Wille steht".
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