Ausstellung Corsin Fontana, Zeichnungen und Farbholzschnitte, März – Mai 2004

 
     
   


Betäubende Stille
von Simon Baur

Eine breite schwarze Linie auf der weissen Fläche des Papiers. Zwei, drei, vier, zehn, zwanzig schwarze Linien. Das Verschwinden des Weiss. Horizontalen, die Vertikalen kreuzend. Schwarze Flächen weisse linienförmige Räume umgebend. Rote, blaue Flächen auch.

Viel ist es nicht, was auf den Zeichnungen und Holzschnitten beschrieben werden kann. Was sie sind und was sie sein wollen, bezeichnen sie selbst. Karg, nüchtern, streng, sind die Begriffe der Sprache in den Arbeiten von Corsin Fontana. Diese Konzentration auf das Wesentliche weckt in mir die Erinnerung an Rilkes Panther im Jardin des Plantes in Paris, dessen weicher "Gang geschmeidig starker Schritte, der sich im allerkleinsten Kreise dreht, ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein grosser Wille steht".

Die Linien der schwarzen Zeichnungen genauer in den Blick nehmend, sind an den Rändern Ausfransungen, in der Entfaltung der einzelnen Striche dichte und poröse Stellen spürbar, die vom unterschiedlichen Druck der Wachskreide und der Hand und dem dagegen widerstehenden Papier herrühren. Dies lässt sich ähnlich in den schwarzen und in den farbigen Holzschnitten beobachten und ich bin versucht trotz der evidenten Unterschiede, die Zeichnungen als mögliche Übungsfelder für die Holzschnitte zu bezeichnen. Kraftfelder sind sie beide im wörtlichen Sinn, Ebenen auf denen ein Austarieren verschieden akzentuierter Energien stattfindet. Die Holzschnitte weisen gegenüber den Zeichnungen eine strukturgebende Schicht mehr auf, denn Corsin Fontana hat die Pressspanplatten vor dem Druckvorgang mit einer deckenden Schicht aus Dispersionsfarbe versehen. Sowohl diese, als auch die Strukturen des Druckfarbauftrages sind es, die die wenigen weissen Linien umfluten und auf den einzelnen Abzügen ersichtlich sind. In diesem Sinn ist es treffender von gedruckter Malerei, statt von Holzschnitten zu sprechen.

Woher kommen diese Formulierungen verschiedener Energien. Allein aus dem Papier, den Holzplatten, den Wachskreiden und der halbtransparenten Offsettfarbe die als Druckmittel dient, stammen sie kaum. Corsin Fontana spricht wiederholt von den Aufenthalten im Gebirge und in Marrakesch, vom Rhythmus und der Trance in afrikanischer Musik und den als geometrische Formen lesbaren Zeichen der arabischen Schrift. Einiges aus diesen Erlebnissen und Erfahrungen versickert in seinen Arbeiten und lassen Fontanas persönliche Askese spüren. Einfachheit, minimale Bewegungen, zurückgenommene Ausformungen, so lässt sich das sichtbar gemachte Destillat beschreiben. Ein tief anschwellendes und wieder verebbendes Rauschen durchflutet die Arbeiten. Bleiern und flaumig zugleich, fordern sie vom Betrachter einiges an Energien. Dahinter bleibt Vieles verborgen, was sich erst nach einem konzentrierten Sehprozess erschliesst. Es ist der Hauch von Leben, von dem Fontana sagt, dass er diesen in seinen Arbeiten drin haben will.

Auch beim Panther im Jardin des Plantes, verbirgt sich hinter der sichtbaren Teilnahmslosigkeit das kraftstrotzend und federleichte, unberechenbare Potential: "...wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte, in der betäubt ein grosser Wille steht".

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  ©   Tony Wuethrich Galerie, Basel/CH.