| Ausstellung
Gabriella Gerosa, "video speaking pictures, selected works 2000–2008" Mai– Juni 2008 |
|||
![]() |
|||
Gabriella Gerosa Die Videoarbeiten Gerosas lassen sich nur schwer mit herkömmlichen Definitionen adäquat einordnen, sie bewegen sich zwischen Video und Tafelbild, zwischen Stilleben und inszeniertem Tableau vivant. Die Künstlerin selbst nennt es "video speaking pictures." Zeitlichkeit wird darin fast bis ins Unendliche gedehnt – in Zeitraffer oder Zeitlupe – und doch exakt auf den Punkt gebracht. Es sind traumartige Bilder der Fantasie, denen jedoch reale, gefundene Momente als Auslöser dienen. Bei Die Blütenstaubfresserin (2001) war dies z. B. ein altes Bauernhaus, umgeben von Rosenbüschen. Die Szene erinnert an ein Interieur von Vermeer: im Hintergrund ein Stuhl vor einem Fenster, im Vordergrund sieht man ein Mädchen selbst versunken über eine häusliche Arbeit gebeugt. Doch schon bald erweist sich die Tätigkeit als absurd: als würde sie etwas suchen oder untersuchen, nesteln ihre Finger endlos zwischen den Blättern immer der gleichen Rosenblüte herum, von denen weitere an Schnüren von der Decke hängen – doch es geschieht absolut nichts, ausser dass hie und da ein Blütenblatt herabfällt. Die Vergeblichkeit menschlichen Tuns, sowie barocke Vanitas Symbolik, sind allgegenwärtig in den Arbeiten Gerosas. Betrachten wir die Videoprojektion Buffetcrash (2003) aus dem Videozyklus Das Fest. Man sieht einen opulent gedeckten Tisch, gleich denen niederländischer Prunkstillleben des 17. Jahrhunderts. In schönster Symmetrie sind darauf aufgebaut: zwei Vasen mit schon etwas welken Tulpen, zwei Schalen mit Trauben, zwei Brotkörbe, zwei Teller mit Hummer, brennende Kerzen, zwei Flaschen Moët & Chandon, und eine Menge Champagnergläser in der Mitte. Es handelt sich um eine gespiegelte Doppelprojektion, daher auch das extreme Längsformat. Zu den Klängen von Barockmusik betrachtet man das Bild und wartet darauf, dass etwas geschieht... dass die schon weit vornüber gebeugte Tulpe ihren Kopf auf die Trauben fallen lässt, die Kerzen herunterbrennen, oder zumindest der Champagner in den Gläsern langsam aufhört zu prickeln und schal wird. Aber es geschieht nichts. Doch in dem Moment, wo man sich gerade schon abwenden will, kommen plötzlich von oben zwei Kristallleuchter geflogen und krachen in Zeitlupe mitten in den Tisch. Glas splittert, Blumen fliegen durch die Luft, Kerzen und Champagnergläser fallen um, Flaschen gehen explodierend zu Bruch – sogar die Musik kommt ins Wackeln. Die Vergänglichkeit irdischen Reichtums passiert hier nicht schleichend wie in den niederländischen Stilleben, sondern in perfekt inszenierter Hollywoodspektakel Manier. Dass Gerosa mit der Kamera malt – eine Art digitale High-tech-Malerei – wird auch deutlich in dem Triptychon Das Haus hinter den Pappeln (2004). Auch hier steht die Zeit still, während Menschen ihrer Arbeit nachgehen: links sieht man vor einer Landschaft ein Mädchen, welches vor Kisten und einem Korb mit Äpfeln kniend Äpfel prüft und sortiert, ohne dass jedoch Kriterien sichtbar werden. In der Mitte scheint ein Mann mit den blossen Händen Saft aus einen mit Äpfeln gefüllten Tuch zu pressen – die Ertrag ist verschwindend. Rechts stehen der Korb und die Kisten mit Äpfeln verlassen unter einer Leiter. Trotz des gänzlich verschiedenen Kontexts erinnert die Komposition und das Format des Triptychons entfernt an Kreuzigungsdarstellungen – demnach könnte man hier eine Analogie vermuten zwischen der Vergeblichkeit menschlichen Tuns und dem Kreuzestod Jesus Christi. denken, der die Entstehung des gleichnamigen Gemäldes Vermeers zu erklären versucht. Während der Maler sein Model anweist, wie es den Kopf zu halten hat, damit das richtige Licht auf Lippen und Ohrring fällt, verschmilzt für einen Moment das Auge des Malers mit dem der Kamera, des Regisseurs, und mitten in der fiktiven Handlung des Films erscheint plötzlich das vertraute Bild ganz so wie wir es kennen. Ähnliche Momente entstehen in den bewegten Bildern von Gabriella Gerosa. Je subtiler die Bewegung, desto grösser die Ambivalenz zwischen bewegtem und stillem Bild. In einer Serie jüngerer Stilleben, z. B. Lachs (2007), ist dies für das blosse Auge kaum noch wahrnehmbar. Eng aneinandergeschmiegt liegen die beiden tiefrosafarbenen Lachsfilets mit ihrer weiss und dunkelgrau schimmernden Haut auf einem nass glänzenden Holztisch. Das Bild ist von einer solchen Sinnlichkeit, dass man fast meint, die beiden toten Scheiben Fisch würden atmen. Bewegt sich etwas? Allein ein Schatten auf dem Tisch, wohl von einem vom Wind bewegten Ast, lässt sich klar als Bewegung ausmachen. Fast ist es so, als wollten diese Stilleben uns motivieren, auch die gemalten Stilleben der alten Meister genauer anzusehen – auch sie tragen Veränderung in Form der Vergänglichkeit in sich, und manchmal hat man wirklich das Gefühl, eine Fliege würde sich darin bewegen, oder ein Blütenblatt jeden Moment herabfallen. Gabriella Gerosa sieht sich selbst als Jägerin solcher Momente, die von den meisten kaum wahrgenommen werden. Geduldig wie ein Jäger hält sie wartend die Kamera im Anschlag, bis der Moment gekommen ist, abzudrücken. Eva Scharrer, April 2008 Biographie und weitere Ausstellungen |
|||
| © Tony Wuethrich Galerie, Basel/CH. |