Ausstellung im Kabinett: Piotr Jaros «caviar lady», Oktpber – Dezember 2010
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Piotr Jaros «caviar lady»
(english text see below)

caviar lady

Die aktuelle Ausstellung von Piotr Jaros’ Arbeiten in Tony Wuethrichs Kabinett in Basel ist seit geraumer Zeit die erste größere Ausstellung des Künstlers in einer Galerie außerhalb seines Heimatlandes Polen.

Piotr Jaros, der 1965 geboren wurde, war in den neunziger Jahren sehr präsent, als er sich rasch als eine der bedeutendsten Figuren der polnischen zeitgenössischen Kunst jener Zeit etabliert hatte. Die frühen Neunziger waren die Ära des Turbokapitalismus in Polen: der Übergang zu einem System der freien Marktwirtschaft schuf neue Muster des sozialen Verhaltens, brachte Armut für viele und erlaubte jenen einen exzessiven Lebensstil, die sich schnell anpassen konnten. Zuvor ungeahnte Karrieremöglichkeiten boten sich nach dem großen Umschwung, der durch die sogenannten „Gespräche am Runden Tisch“ zwischen der letzten kommunistischen Regierung Polens und Vertretern der politischen Opposition eingeleitet worden war. Diese Verhandlungen führten im Sommer 1989 zu den ersten freien Wahlen, die von den Kandidaten der Opposition klar gewonnen wurden. Die Werbeindustrie, die Geschäftswelt, das Fernsehen und andere Kreativunternehmen genossen bei jungen Leuten, die am Beginn ihrer beruflichen Laufbahn standen, in dieser Zeit hohes Prestige. Gleichzeitig war diese Periode jedoch auch prägend für die gesamte Generation von Künstlern, die die lebendigen Kunstszenen in größeren polnischen Städten wie Warschau, Kraków, Gdańsk und Wrocław bildeten.

In Warschau schuf Mirosław Bałka Skulpturen, die sich einerseits aus seiner kritischen Beschäftigung mit dem polnischen Katholizismus speisten und die andererseits den menschlichen Körper in seinen universellen, existentiellen, beinahe religiösen Dimensionen untersuchten. Ebenfalls in Warschau entwickelte Zbigniew Libera sein eigenes Markenzeichen einer Video- und Installationskunst, die sich mit dem von gesellschaftlichen Konventionen und vom Staatsapparat unterworfenen Körper beschäftigte. Seitdem ist eine eher performative Umgangsweise mit dem Körper, die sich mit dessen produktiven Mängeln auseinander setzte, zum Erkennungszeichen einer Gruppe geringfügig jüngerer Künstler geworden, die alle ihren Abschluss an der Warschauer Akademie der Künste im Fachbereich Skulptur unter der Leitung des Bildhauers und Performancekünstlers Grzegorz Kowalski gemacht hatten: unter anderem Paweł Althamer, Katarzyna Kozyra und Artur Żmijewski. Neben diesen fünf Künstlern, die sich alle ihren Namen in den neunziger Jahren gemacht haben und heute international mehr oder weniger anerkannt sind, nimmt Piotr Jaros eine unabhängige Sonderstellung ein.

Anders als die meisten Künstler seiner Generation, die seit langem in Warschau, dem sehr geschäftigen und großstädtischen Zentrum Polens, leben, ist Jaros immer in der im Süden des Landes gelegenen Stadt Kraków geblieben. Im Vergleich zum modernen und schnelllebigen Warschau stellt Kraków eine hübsche, altertümliche Stadt dar, in der sich relativ konservative Einstellungen erhalten haben und die Künstler kontemplative, fast eskapistische Existenzen führen. Das intellektuelle Leben findet in den Kellern mittelalterlicher Häuser statt – in Clubs und Cafes, wo es kaum einen Unterschied zwischen Tag und Nacht gibt. Die Stadt Kraków lebt in der Vergangenheit und sehnt sich nach der Größe, die ihr als Hauptstadt Polens einst zukam – diese Funktion hat sie vor langer Zeit an Warschau verloren, worin eine noch immer bestehende gewisse Feindseligkeit zwischen den beiden Städten begründet liegt.

In den neunziger Jahren nahm Jaros regelmäßig an internationalen Gruppenausstellungen, unter anderem der Manifesta 1 in Rotterdam (1996) und „After the Wall“ im Moderna Museet in Stockholm (1999) teil, manchmal zusammen mit anderen bedeutenden jungen polnischen Künstlern, wie etwa in „New I’s for New Years“ im Künstlerhaus Bethanien Berlin (1995). Er hatte zudem eine Reihe von Einzelausstellungen, unter anderem im Centre for Contemporary Art in Warschau (1995) und dem Ludwig Museum in Budapest (1996). Wie viele andere polnische Künstler, die ihre Karriere in den frühen Neunzigern begonnen hatten, sah er sich gegen Ende des Jahrzehnts und nach 2000 mit einem Mangel an institutioneller wie privater Unterstützung für zeitgenössische Kunst konfrontiert, als eine neue Generation von Künstlern – zumeist Maler – die Bühne für sich forderte und kaum Raum für komplexere, weniger spektakuläre Arbeiten ließ. Doch Jaros blieb seiner Linie treu und produzierte weiterhin Arbeiten in bescheideneren, handlicheren Medien: Videos, Zeichnungen, Collagen und kleine, modellartige Skulpturen, die alle auch in der aktuellen Ausstellung in Basel vertreten sind. Im Jahr 2007 war in der Galeria Kronika in Bytom (Woiwodschaft Schlesien) die Überblicksschau „House and Work“ zu sehen, und bald darauf folgten Ankäufe seiner Werke durch das Museum Sztuki in Łódź, in dem sich Polens älteste und bedeutendste Sammlung moderner und zeitgenössischer Kunst befindet. Erst 2008 jedoch erlebte er ein wirkliches Comeback mit einer Reihe von Präsentationen unter dem Obertitel „Eurogum“, die von Barbara Steiner, Direktorin der renommierten Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig organisiert wurde.

In seinem Werk kommt Piotr Jaros’ starkes Interesse für den sich schnell wandelnden Begriff der Arbeit zum Ausdruck: die zunehmende Bedeutung von kreativer und intellektueller Tätigkeit, verbunden mit einer Abwertung manueller Arbeit. Einige von Jaros’ Figuren sind Arbeiter, doch die genaue Art ihrer Beschäftigung bleibt unbestimmt, so als könne Arbeit in Reinform existieren, unabhängig von den Erzeugnissen, die sie hervorbringen soll. Andere im Werk des Künstlers vorkommende Figuren scheinen zur Geschäftswelt in ihrer billigsten, glanzlosesten Form zu gehören: apathische Hostessen, stillose Manager aus der dritten Welt, die es in die erste Welt zieht, Möchtegern-Prominente aller Arten, die betriebsame Leere verströmen. Typische Protagonisten in Jaros’ Videos sind mysteriöse Personen, die im Namen von zwielichtigen Organisationen, Syndikaten und Fantasiefirmen sprechen. Konspirationstheoretiker gehen davon aus, dass es unserer Kontrolle oder gar unserer Wahrnehmung entzogene Kräfte gibt, die Einfluss auf alle Bereiche des Lebens ausüben und uns somit beherrschen. Derartige Konspirationstheorien sind die Kehrseite der kapitalistischen – sowohl die Arbeits- wie die Freizeit bestimmenden – Ordnung des Lebens, die heute ähnlich allgegenwärtig ist, aber zumeist als gegeben hingenommen wird, da wir im Glauben aufwachsen, dass die Dinge eben so seien.

Jaros’ Ausstellung in Basel umfasst Objekte, Zeichnungen und Collagen, die am ehesten als Studien oder Tagebucheinträge verstanden werden können, welche parallel zu den filmischen Erzählungen geschaffen werden, die den Kern von Piotr Jaros’ neuerer Arbeit ausmachen. Das Herz der Ausstellung ist dementsprechend Caviar Lady (2010), ein neues, 16-minütiges Digitalvideo, in dem sich alle seine Stilelemente sowie die charakteristische Beschäftigung mit ungewöhnlichen, sozial dysfunktionalen Subjekten, ritualisierten Verhaltensweisen und esoterischem Wissen finden. Der Künstler lässt vier Figuren auftreten, zwei Frauen und zwei Männer, die in drei Sprachen vor der Kamera Monologe halten – ein Weltmann mittleren Alters, dessen Muttersprache nicht Englisch, sondern möglicherweise eine osteuropäische Sprache ist, eine junge blonde russische Frau, eine ältere Frau, die auf Deutsch redet, sowie ein jüngerer Geschäftsmann, der akzentfreies amerikanisches Englisch spricht. Diese polyglotte Gruppe von Figuren wird vor einem Hintergrund gefilmt, der die Residenz von Neureichen oder auch ein Hotelinterieur sein könnte. Vielleicht gibt es eine Verbindung zwischen den Protagonisten, doch in welchem Verhältnis sie genau zueinander stehen, verbleibt rätselhaft. Sie sprechen und bewegen sich in höchstem Maße stilisiert und in unterschiedlichen Konfigurationen, bisweilen einzeln, bisweilen zu zweit, und führen die Abfolge der Szenen als kleine Rituale auf. Jede Figur hat ihr eigenes Thema, doch die Leitmotive ihrer Aussagen scheinen Vorstellungen von Größe und die damit verbundene Furcht vor Macht zu sein. Die junge Russin enthüllt ihren Traum, eine Firma „in den wichtigsten Städten“ zu gründen (auf einer Art Werbeträger, einem auf dem Fußboden ausgebreiteten Bettlaken, findet sich die handgeschriebene Auflistung: „Skidan Corporation – Moskau, Dubai, Tokio, London, New York, Mailand“), der Mann mittleren Alters verflucht obskure „Anwälte“, die jeden ins Verderben stürzen würden. Es gibt keine Auflösung und keinen Höhepunkt. Der Film entspinnt sich vielmehr als eine Reihe von isolierten Tableaus und endet mit dem Bild einer ausgeblasenen, rauchenden Kerze, als sei gerade eine bizarre Zeremonie beendigt worden.

Basel/Berlin 2010, Adam Szymczyk

 

Piotr Jaros «caviar lady» 

caviar lady

The current exhibition of works by Piotr Jaros at Tony Wuethrich’s Kabinett in Basel, Switzerland, is the artist’s first substantial gallery show outside of his native Poland in a considerable time.

Born in 1965, Jaros made a strong appearance in the nineties, when he quickly established himself as one of the most important figures in Polish contemporary art. The early nineties were an era of turbo-capitalism in Poland: the country’s transition to a free-market system produced new patterns of social behavior, poverty for many, and excessive lifestyles for some of those who were able to quickly adapt. Previously unknown career opportunities became available after the great transformation, which was initiated by the so-called “roundtable negotiations” between Poland’s last Communist government and representatives of the political opposition. In the summer of 1989, these negotiations resulted in the first free election, which was clearly won by opposition candidates. During this period, the fields of advertising, business, television, and other creative industries were held in high esteem among the younger generation at the beginning of their professional careers. But it was also a formative time for an entire generation of artists, who constituted the lively art scenes in larger Polish cities, including Warsaw, Cracow, Gdansk, and Wroclaw.

In Warsaw, Miroslaw Balka created sculptures that, on the one hand, stemmed from his critical reading of Polish Catholicism, and on the other, examined the human body in its universal, existential, nearly religious dimension. Also in Warsaw, Zbigniew Libera developed his own brand of video and installation art, focusing on the body repressed by social conventions and state apparatus. Since then, a more performative mode of working with the body while elaborating on its productive deficiencies has become a trademark of a group of slightly younger artists who all graduated from the Warsaw Academy of Art’s Faculty of Sculpture, headed by the sculptor and performance artist Grzegorz Kowalski; this younger generation includes Pawel Althamer, Katarzyna Kozyra, and Artur Zmijewski. Compared to Balka, Libera, Althamer, Kozyra and Zmijewski, all of who made their names in the nineties, and all of whom are more or less internationally recognized at present, Piotr Jaros occupies a unique and independent position.

Unlike many other artists of his generation, most of whom have long been based in Warsaw, the very buzzing and metropolitan centre of Poland, Jaros has always lived in Cracow, in the south of the country. Compared to the modernity and speed of Warsaw, Cracow is a beautiful old town, where relatively conservative attitudes prevail and a contemplative, somewhat escapist way of life is the favored choice of the local artists. Intellectual life is conducted in the cellars of mediaeval houses—clubs and cafes that know little difference between night and day. Cracow dwells in the past, longing for the grandeur it once held as the capital of Poland, a position it lost to Warsaw long ago, and which remains the reason for a certain antagonism between the two cities.

In the nineties, Jaros participated regularly in international group exhibitions, including Manifesta 1, in Rotterdam in 1996, and “After the Wall,” at the Moderna Museet, in Stockholm in 1999, sometimes alongside other leading young Polish artists, such as in “New I’s for New Years,” at the Künstlerhaus Bethanien, in Berlin in 1995. His work was also the subject of a number of solo shows, including those mounted at the Centre for Contemporary Art, Warsaw, in 1995, and the Ludwig Museum, in Budapest, in 1996. Like many artists in Poland who made their debut in the early nineties, he continued to work against the scarcity of institutional and private support for contemporary art in that decade and after 2000, when the new generation of artists – mostly painters – claimed the stage, leaving hardly any space for more refined, less spectacular work. But Jaros endured and continued making work in more domestic and handy media: video, drawing, collage, and small, model-like sculptures—all of which are present in the current show in Basel. In 2007, Jaros had a survey show titled “House and Work” at Galeria Kronika in Bytom, Silesia, which was recently followed by the acquisition of his works by the Muzeum Sztuki in Lodz, which holds Poland’s oldest and most important collection of modern and contemporary art. However, it was the year 2008 that saw the artist’s real comeback, in a series of presentations under the common title “Eurogum” organized by Barbara Steiner, the director of the renowned Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig.

In his body of work, Jaros has exhibited a keen interest in the fast-changing notion of labor: the growing importance of creative and intellectual activity, accompanied by the demise of manual work’s value. Some of Jaros’s characters are workers, but the nature of their occupation is not clearly defined, as if their labor could exist in a pure state, beyond the results it is meant to produce. Another part of the artist’s cast of characters seems to belong to the sphere of business in its cheesiest, most lackluster version: the apathetic hostesses, the tacky developing world executives aspiring to first world status, the wannabe-famous of all kinds, practicing erudite idleness. In Jaros’s videos, typical protagonists are mysterious individuals who speak on behalf of shady organizations, syndicates, and make-believe corporations. A conspiracy theorist assumes forces that are beyond our control, or even perception, exert their influence on all areas of our life and, in effect, rule us. Such conspiracy theories are the flipside of the capitalist organization of life—controlling both work and leisure time—that is similarly omnipresent today but mostly taken for granted, as we grow up believing that this is simply how things are.

Jaros’s Basel exhibition features objects, drawings, and collages that might be best understood as studies or diary entries made in parallel to the film narratives that remain the core of the artist’s recent work. Accordingly, the centerpiece of the show is Caviar Lady (2010), a new 16-minute digital video that displays all the characteristics of Jaros’s style and his typical preoccupation with unusual, socially dysfunctional subjects, ritualized behaviors, and esoteric knowledge. The artist introduces four characters, two women and two men, who deliver monologues to the camera in three languages—a middle-aged man of experience who is not an English native speaker but perhaps Eastern European; a young, blonde Russian woman; an older woman speaking German, and a young businessman-type speaking American English without a foreign accent. This cast of multilingual characters is filmed against the backdrop of what seems to be a nouveau-riche residence or perhaps a hotel interior. The protagonists may be connected, but the exact nature of their relationship remains enigmatic. They speak and assume heavily stylized poses in various configurations, sometimes individually and sometimes in duos, staging the consecutive scenes as small rituals. The subject matter varies from person to person but the fantasy of greatness and corresponding fear of power seem to be the leitmotifs of the statements. The young Russian unveils her dream to establish a corporation “in major cities” (an advertisement of sorts, handwritten on a bed sheet spread on the floor, lists “Skidan Corporation—Moscow, Dubai, Tokio, London, New York, Milano”); the middle-aged man curses the obscure “lawyers” who will bring doom to everyone. There is no resolution and no culmination. Instead, the film unravels as a series of isolated tableaux and ends with an image of a smoking candle blown out, as if a strange ceremony had just come to an end.

Basel/Berlin 2010, Adam Szymczyk


©   Tony Wuethrich Galerie, Basel/CH.